C Aus- und Weiterbildung

Resümee

Aus- und Weiterbildung stellen eine wichtige Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe dar, während geringe Qualifikation als zentrales Risiko für finanzielle und soziale Ausgrenzung gilt. Bildungsstand und fachliche Spezialisierung bestimmen in hohem Maß Erwerbschancen und Verdienstmöglichkeiten, aber auch das Risiko, von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Besonders deutlich wird dies im erhöhten Arbeitslosenrisiko von Personen mit geringem formalem Qualifikationsniveau: Fast die Hälfte der arbeitslosen Personen verfügt maximal über einen Pflichtschulabschluss; die Arbeitslosenquote von Personen ohne berufliche Ausbildung liegt bei 39% (AMS 2016).

Mädchen haben in der Bildung deutlich aufgeholt; dies gilt für Wien angesichts des guten Angebots mit höheren Schulen und Universitäten sowie der höheren Bildungsbeteiligung der WienerInnen noch stärker als für Gesamtösterreich. Dies betrifft jedenfalls das erreichte Bildungsniveau, indem der Anteil von Frauen mit maximal Pflichtschulabschluss sinkt und Frauen bei den UniversitätsabsolventInnen mittlerweile die Mehrheit bilden. Die Spaltung in frauendominierte Bildungsbereiche und männerdominierte Bildungsbereiche, d.h., die horizontale Bildungssegregation, bleibt hingegen bestehen und hat Auswirkungen auf Beschäftigungs-, Aufstiegs- und Einkommenschancen. „Frauentypische“ Bildungsbereiche sind nicht in gleichem Maße beruflich verwertbar wie „männertypische“ Bereiche. Dementsprechend kommt dieser horizontalen Segregation auf unterschiedlichen Bildungsstufen (inkl. Weiterbildung) eine enorme Bedeutung für die Gleichstellung von Frauen und Männern zu (vgl. Schäfer und Gottschall 2016).

Keine sichtbaren Unterschiede zwischen Mädchen und Buben in der vorschulischen Bildung

Die Vorschule nimmt eine wichtige Rolle für die Sozialisation der Kinder und als Bildungsbasis für die weitere Schulkarriere ein. Der Anteil der betreuten Kinder ist in Wien seit 2012 bei den bis zu Zweijährigen von 35% auf 39% gestiegen, bei den Drei- bis Fünfjährigen von 89% auf 92%. In der vorschulischen Bildung zeigen sich – zumindest was die Partizipation von Mädchen und Buben betrifft – noch keine Geschlechterunterschiede. Wieweit es dabei Unterschiede durch die Qualität der Betreuung gibt, Buben in anderen Kompetenzen gefördert werden als Mädchen, ist mit der gegebenen Datenlage nicht zu beantworten, wie insgesamt wenig geschlechtsspezifische Daten zu betreuten Kindern und Betreuungspersonen in der Kindertagesheimstatistik vorliegen. Es ist davon auszugehen, dass Geschlechterrollen durch die Vorbildfunktion der Betreuungskräfte stark geprägt werden. Mit einem Frauenanteil des Betreuungspersonals von 98% sind auch in Wien in der institutionellen Kinderbetreuung weiterhin kaum Männer vorhanden.

Die horizontale Segregation nach Fachrichtungen und Schulformen ändert sich wenig

Mit der Ausdifferenzierung der Bildungsinhalte in der Sekundarstufe II ordnet sich die Mehrheit der Mädchen „typisch weiblichen" Schulformen im kaufmännischen, wirtschafts- und sozialberuflichen Bereich zu, während sich Burschen hauptsächlich auf technisch-handwerkliche Ausbildungen konzentrieren. Diese Segregation ist in der dualen Ausbildung der Lehre besonders stark gegeben, zeigt sich aber auch in den mittleren und höheren berufsbildenden Schulen bis hin zur Studienwahl. Anstel-le von Auflösungstendenzen gibt es eher Anzeichen der verstärkten Konzentration von Frauen auf diese „typisch weiblichen“ Bereiche: In den technisch-gewerblichen Schulen ist der Anteil der Mädchen gleich geblieben, die Konzentration der Mädchen in den „mädchentypischen“ Lehrberufen tendenziell noch gestiegen und vor allem auch die Konzentration der Burschen in den „männertypischen“ Lehrberufen gestiegen. Dies wird noch deutlicher im Zusammenhang mit IKT-Berufen, die hier als zukunftsträchtige Berufe im Sinne von hohen Beschäftigungs- und Einkommenschancen interpretiert werden. Der Rückgang von Mädchen in technisch-handwerklichen Ausbildungen und von IKT-Bereichen innerhalb von drei Jahren ist möglicherweise eine Schwankung, die in den nächsten Jahren wiederum aufgeholt und rückgängig gemacht werden kann und ist teilweise auch auf eine Neudefinition von IKT-Berufen zurückzuführen. Aber hier gilt es eine verstärkte Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wieweit die doch mühsam erreichte Partizipationsquote von Mädchen im technischen Bereich durch traditionelle Bildungswahlentscheidungen rückgängig gemacht wird. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass höhere Bildung zur Auflösung oder Minderung der fachlichen Segregation beitragen kann.

Die Segregation der SchülerInnen spiegelt sich in der Segregation der Lehrkräfte wider, allerdings mit sinkendem Frauenanteil in den oberen Bildungsstufen und in Leitungspositionen

Auch wenn die LehrerInnenschaft weiblich dominiert ist, sind Frauen in den höheren Bildungsstufen und vor allem unter Leitungspersonen unterrepräsentiert. Dies bedeutet, dass Frauen in den Leitungspositionen weiterhin fehlen, während Männer in den unteren Bildungsstufen weniger stark repräsentiert sind. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf Entscheidungen im Bildungssystem, sondern auch auf die Sozialisation unserer Kinder. Im Bildungssystem wird die geschlechtsspezifische vertikale Segregation, die das gesamte Beschäftigungssystem charakterisiert, Kindern von früh an vermittelt.

In allen Schulformen und Ebenen des Bildungssystems liegt der Frauenanteil unter Lehrkräften über jenem von Leitungspersonen. Damit sind Frauen in den Entscheidungspositionen sowohl in Relation zu ihrem Anteil unter SchülerInnen wie auch unter Lehrkräften unterrepräsentiert. Erfreulich ist, dass der Anteil der Frauen unter DirektorInnen in den vergangenen zwei Jahren erheblich gestiegen ist. Dies gilt insbesondere für den Bereich der allgemeinbildenden höheren Schulen und kaufmännischen Schulen. In den technisch-gewerblichen Schulen ist der Frauenanteil hingegen niedrig geblieben: Nur einer der sechs DirektorInnen- sowie zwei der 19 AbteilungsleiterInnenPosten sind mit einer Frau besetzt.

Kaum Veränderung im Geschlechterverhältnis der Weiterbildung, aber Rückgang bei berufs- bezogener Weiterbildung

Frauen sind in Weiterbildungskursen stärker vertreten als Männer, wobei sich dieser Unterschied durch den häufigeren Besuch von freizeitbezogenen Kursen bei Frauen ergibt. Im Bereich der berufsbezogenen Kurse zeigt sich kein Unterschied zwischen Frauen und Männern. Der Frauenanteil bei Fördermöglichkeiten für berufsbezogene Weiterbildung liegt sowohl beim waff, bei der AK Wien als auch bei der Inanspruchnahme von Weiterbildungskarenzen über der 60%. Dies ist ein Indiz für die verstärkte Förderung von Frauen bei Weiterbildungen. Gegenüber den Ergebnissen im Gleichstellungsmonitor 2013 wurden Frauen und Männern insgesamt weniger gefördert in der berufsbezogenen Weiterbildung, der generell etwas höhere Frauenanteil ist jedoch fast konstant geblieben.

Ähnlich erweist sich das Geschlechterverhältnis bei den Teilnahmen im Rahmen der Initiative Erwachsenenbildung durchgeführten Angebote der Basisbildung. Frauen nehmen deutlich stärker an Basisbildungsangeboten teil, sie werden aber seltener als Männer durch mehr als einem Kurs gefördert.

Anteil von Frauen mit maximal Pflichtschulabschluss ist gestiegen

Weiterhin bestehende Datenlücken zu geschlechtersensibler Pädagogik

Auch wenn der Anteil von Frauen in der Tertiärbildung höher ist als jener von Männern, liegt der Anteil von Frauen, die maximal einen Pflichtschulabschluss aufweisen, weiterhin höher als jener unter Männern. Weiterhin weisen 30% Frauen in Wien keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung auf. Der Anteil der niedrig qualifizierten Frauen ist zwischen 2011 und 2014 von 28% auf 30% gestiegen, wobei der Frauenanteil aufgrund des stärkeren Anstiegs unter Männern von 61% auf 59% gesunken ist. Der Frauenanteil ist insbesondere in den jüngeren Generation und Personen mit österreichischer Herkunft gesunken, hingegen bei Personen mit ausländischer Herkunft ziemlich konstant geblieben. Frauen, die durch unterschiedliche Gründe keine Berufsbildung abschließen – sei dies aufgrund individueller Entscheidungen oder da sie vom Bildungswesen nicht erreicht wurden –, weisen ein erhöhtes Arbeitslosenrisiko auf oder verschwinden aufgrund mangelnder Beschäftigungschancen einfach aus dem Arbeitsmarkt.

Anmerkung 1

„No amount of thought or sympathy, no matter how careful or honest, can jump the barriers of experience.“