D Bezahlte und unbezahlte Arbeit

Resümee

Die Unterschiede in der Erwerbstätigkeit (der bezahlten Arbeit) von Frauen und Männern resultieren aus der unterschiedlichen Beteiligung an unbezahlter Arbeit. Verantwortlichkeiten und Unterstützung bei unbezahlter Arbeit bestimmen die Verfügbarkeit für bezahlte Arbeit mit. Umgekehrt beeinflussen die Arbeitsmarktchancen und die Bewertung von Erwerbsarbeit die Arbeitsteilung in der Familie. Zudem kommt dem Wohlfahrtsstaat durch die Ausgestaltung seiner Leistungen eine prägende Rolle bei der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu. Berufswahl und begrenzte Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt sind ohne die Berücksichtigung der unbezahlten Versorgungs- und Betreuungsarbeiten im Privatbereich nicht thematisierbar. Doch während Erwerbsarbeit aufgrund ihres hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellenwerts und der damit verbundenen finanziellen Ressourcen statistisch relativ gut zu erfassen ist, ist es deutlich schwieriger, Ausmaß und Struktur der unbezahlten Arbeit quantitativ zu beschreiben. Zudem ist die Abgrenzung zwischen unbezahlter Arbeit und Freizeitaktivitäten nicht immer einfach.

Steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen, aber wenig Indizien für Veränderung der Verteilung unbezahlter Arbeit

Die Arbeitsteilung von Frauen und Männern hat in den vergangenen Jahrzehnten einen massiven Wandel erfahren, indem heute mehr Frauen erwerbstätig sind und Berufsunterbrechungen durch Familienphasen kürzer ausfallen. Dies trifft für Wien noch stärker zu als für Gesamtösterreich. Zwischen 2011 und 2014 ist der Anteil der erwerbstätigen und arbeitsuchenden Frauen in Wien von 66% auf 69% gestiegen. Doch mit der anschwellenden Arbeitslosenquote erhöht sich auch die Zahl von Frauen, die arbeiten wollen, aber keine Beschäftigung finden. Aufseiten der bezahlten Arbeit zeigt sich also eine zunehmende Angleichung von Frauen und Männern.

Anders stellt sich die Situation aufseiten der unbezahlten Arbeit dar. Aufgrund der mangelnden Datenlage kann im Wiener Gleichstellungsmonitor 2016 keine eindeutige Veränderung der Arbeitsteilung in der Familie beschrieben werden. Doch Studien zur unbezahlten Arbeit verweisen darauf, dass die unbezahlte Arbeit weiterhin stark durch die traditionelle Arbeitsteilung von Frauen und Männern geprägt ist, die Frauen die Hauptverantwortung überlässt (OECD 2015). Der Fokus 2016 auf die Situation von Frauen mit Migrationshintergrund zeigt, dass bei Frauen mit Migrationshintergrund Drittland die traditionelle Arbeitsteilung noch stärker ausgeprägt ist: So sind diese für Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung häufiger überwiegend oder allein zuständig als Frauen ohne Migrationshintergrund oder mit Migrationshintergrund EU. Die Nutzung von institutionellen Kinderbetreuungseinrichtungen ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen und ermöglicht damit jedenfalls eine erleichterte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Entwicklung bei den institutionellen Angeboten für Pflege und Betreuung pflegebedürftiger Erwachsener verweist allerdings auf keine eindeutige Entlastung für Frauen, die dafür vermehrt zuständig sind. Gemessen an der wachsenden Zielgruppe der über 75-jährigen Wiener Bevölkerung ist die Betreuungsquote durch ambulante Pflegedienste zwischen 2011 und 2015 „zu Hause“ konstant geblieben, während bei stationären Pflegediensten „Wohnen und Pflege“ gesunken sind. Frauen mit Migrationshintergrund Drittstaat unterscheiden sich von Frauen ohne Migrationshintergrund sowie Migrationshintergrund EU, indem sie Angehörige öfter zu Hause pflegen.

Frauen mit Kindern bleiben mehrheitlich „Zuverdienerinnen“

Die Verteilung von Erwerbsarbeit in Paarhaushalten zeigt, dass eine egalitäre Arbeitsteilung bei Paaren ohne Kinderbetreuungsverpflichtungen stärker gegeben ist, aber bei Paaren mit zu betreuenden Kindern Frauen mehrheitlich ZuverdienerInnen bleiben: Bei zwei Fünfteln der Paare ohne Kinder bis 18 Jahre sind beide in einem ähnlich hohen Ausmaß erwerbstätig, wogegen bei einem weiteren Fünftel nur die Frau erwerbstätig ist. Dagegen lebt nur ein Drittel der Paare mit Kindern unter 18 Jahren eine Gleichverteilung oder eine stärkere Erwerbsbeteiligung der Frauen. Darum finden sich Frauen nach Trennungen als Alleinerzieherinnen in finanziell prekären Lagen. Der Einkommensbeitrag von Frauen zum gemeinsamen Einkommen liegt noch öfter unter dem Einkommen von Männern: Selbst bei Paaren ohne Kinder trägt nur ein Drittel der Frauen 50% oder mehr zum Haushaltseinkommen bei. Bei Paaren ohne Kinder liegt dieser Anteil unter einem Fünftel, und so verdienen knapp zwei Drittel der Frauen weniger als 40% des Haushaltseinkommens. Es ist davon auszugehen, dass bei Paaren, bei denen die Frau deutlich weniger zum Erwerbseinkommen beiträgt, die unbezahlte Arbeit primär von Frauen getätigt wird.

Steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen, allerdings überwiegend mit Teilzeit

Während bei der Erwerbsbeteiligung in den vergangenen Jahren eine kontinuierliche Angleichung von Frauen und Männern zu beobachten ist, bleiben die Unterschiede im Arbeitszeitausmaß weitgehend bestehen. Die Erwerbstätigenquote von Frauen liegt in Wien nur noch 5%-Punkte unter jener von Männern und zeigt geringe Einbrüche in den Jahren, die gewöhnlich durch Geburten und Kinderbetreuung gekennzeichnet sind. Diese Unterschiede werden größer, wenn Personen in Karenz nicht zu den Erwerbstätigen gezählt werden, und vor allem dann, wenn die Arbeitszeit berücksichtigt wird. Denn Familie wirkt sich weiterhin unterschiedlich auf die Arbeitszeit von Frauen und Männern aus: Während bei Männern der Anteil der Vollzeitbeschäftigten mit Kindern und PartnerIn zunimmt, sinkt er bei Frauen: 30% der allein lebenden Frauen und 52% der Frauen in Paaren mit Kindern sind teilzeitbeschäftigt; 20% der allein lebenden Männer und 18% der Männer in Paaren mit Kindern sind teilzeitbeschäftigt. Dass Frauen auch ohne Kinder eine doppelt so hohe Teilzeitquote aufweisen als Männer, hängt u.a. damit zusammen, dass sie nach betreuungsbedingter Arbeitszeitreduktion oft nicht die Möglichkeit haben, in Vollzeitbeschäftigung zurückzukehren oder nach Kinderbetreuungsphasen Betreuungszeiten für pflegebedürftige Angehörige folgen. Dies resultiert mitunter auch daraus, dass sie eine Beschäftigung mit branchenspezifischen Anforderungen aufnehmen, in denen überwiegend nur noch Teilzeitbeschäftigung angeboten wird.

Die gleichstellungspolitische Ambivalenz dieser begrenzten Integration wird im Zusammenhang mit Teilzeitarbeit offensichtlich. Teilzeitarbeit ist einerseits eine Möglichkeit, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ohne Überlastung zu bewältigen, und eröffnet damit die Chance, eine Work-Life-Balance herzustellen oder sogar überhaupt erwerbstätig sein zu können. Andererseits wirkt sich Teilzeitbeschäftigung einschränkend auf Berufsmöglichkeiten, Karriereentwicklung sowie ökonomische und soziale Absicherung aus.

Mit dem überdurchschnittlichen Anteil von teilzeitbeschäftigten Jugendlichen und dem geringeren Anstieg von Frauen (und Männern) in Paarbeziehungen mit Kindern verschiebt sich jedoch tendenziell die Struktur der Teilzeitbeschäftigten. Teilzeitarbeit aufgrund von Betreuungsaufgaben scheint weniger zu werden, während hingegen der Berufseinstieg über Teilzeitarbeit zunimmt, entweder durch Nebentätigkeiten während der Ausbildung oder durch beschränkte Integration beim Berufseinstieg (Stichwort Generation Praktikum).

Beharrliche Spaltung des Arbeitsmarktes in Frauenbereiche mit weniger sozialer Absicherung sowie niedrigem Einkommen und in Männerbereiche mit besseren Chancen

Die Verantwortung für die Reproduktionsarbeit führt zu einer begrenzten oder partiellen Erwerbsbeteiligung von Frauen, die nicht nur die Chancen auf eine eigenständige Existenzsicherung einschränkt, sondern Frauen auch auf spezifische Berufspositionen verweist. Männer sind überwiegend auf den Produktionsbereich konzentriert und sind zudem vermehrt als Arbeiter und Selbstständige tätig. Sie erreichen in einem höheren Ausmaß leitende Funktionen. Frauen sind überwiegend als Angestellte tätig, primär im Dienstleistungsbereich, und können trotz zunehmender Bildungsvoraussetzungen die gläserne Decke zu Top-Positionen nicht durchstoßen.

Die Daten zur horizontalen Segregation zeigen, dass der Anteil der Beschäftigten in Berufen mit einem relativ ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, den gemischten Berufen, konstant bleibt. Die Segregation wird also tendenziell nicht weniger. Männer sind zwar verstärkt in „typischen Frauenberufen“ tätig, aber ein Fünftel der beschäftigten Männer bleibt in Berufen mit weniger als 10% Frauenanteil. Auch bei der vertikalen Segregation zeigen sich wenig Fortschritte Richtung Gleichstellung. Der Anteil von Frauen in führenden Tätigkeiten sinkt tendenziell von 34% auf 32%. Diese Beharrlichkeit der horizontalen und vertikalen Segregation geht einher mit einem steigenden Anteil von Frauen in atypischen Beschäftigungsformen sowie bei Selbstständigen. Insgesamt steigt damit der Anteil von Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die nicht oder eingeschränkt sozialversicherungs- und arbeitsrechtlich abgesichert sind und niedrige Stundenlöhne aufweisen. Teilzeit- und geringfügig beschäftigte Frauen beziehen damit nicht nur wegen der eingeschränkten Arbeitszeit, sondern auch wegen der niedrigen Stundenlöhne oft geringe Einkommen. Der Anteil der Männer in atypischen Beschäftigungsverhältnissen steigt ebenfalls, führt aber weniger oft zur Niedriglohnbeschäftigung.

Schlussfolgerungen zu den Gleichstellungszielen für bezahlte und unbezahlte Arbeit

Mit der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen haben sich die Lebensrealitäten und Rollen vieler Frauen verändert, sind ihre Aufgaben und Zuständigkeiten gewachsen – und damit zumindest ein Stück auch ihre ökonomische Unabhängigkeit. Doch aufseiten der unbezahlten Arbeit scheint weniger Entlastung gegeben. Das Angebot institutioneller Betreuungsangebote für Kinder steigt und wird auch genutzt, Angebote für die Pflege von Angehörigen nehmen nicht im selben Ausmaß zu. Zudem bleibt die private Arbeitsteilung dem Modell des „modifizierten männlichen Ernährermodells“ verhaftet, gemäß dem der Mann den Hauptteil des Familieneinkommens erbringt, während die Erwerbstätigkeit der Frau einer Zuverdienstrolle gleichkommt und ihr die Hauptverantwortung für unbezahlte Arbeit überlassen bleibt. Damit ändert sich ebenso wenig an der horizontalen und vertikalen Segregation, wodurch prekäre Beschäftigungsverhältnisse weiterhin verstärkt Frauen betreffen. Teilzeit- und geringfügig Beschäftigte beziehen folglich nicht nur wegen der eingeschränkten Arbeitszeit, sondern auch wegen der Stundenlöhne oft sehr niedrige Einkommen.

Anmerkung 1

„No amount of thought or sympathy, no matter how careful or honest, can jump the barriers of experience.“