I Wohnen und öffentlicher Raum

Resümee

Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist insbesondere im Bereich Wohnen stets vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensformen zu erkennen, da Wohnverhältnisse eng mit dem Lebensstandard von Haushalten verknüpft sind. Durch alltägliche Verrichtungen und Wege wie etwa Einkaufen oder den Besuch von Parks im Rahmen der Kinderbetreuung ist der Wohnraum eng verknüpft mit der Wohnumgebung. Diesem Verständnis folgend, findet Wohnen nicht nur in den eigenen vier Wänden statt, sondern auch im Wohnumfeld, wobei diese Orte erst durch die darin erfolgenden sozialen Interaktionen zu jenen werden, die sie überhaupt darstellen (vgl. bspw. Schroer 2006, Hasse 2012). D.h., sowohl privater als auch öffentlicher Raum ist immer etwas sozial Hergestelltes, in dem sich soziale Strukturen widerspiegeln und zugleich reproduzieren (vgl. bspw. Löw/Sturm 2005, Dangschat 2007, Häußermann 2008). Damit kommt räumlichen Ressourcen ebenso in der Gleichstellung von Frauen und Männern eine bedeutende Rolle zu, da geschlechtsspezifische Rollenanforderungen und -zuweisungen unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen an private und öffentliche Räume stellen und eine stärkere Berücksichtigung dieser, etwa in der Stadt- und Wohnbauplanung, zur Gleichstellung von Frauen und Männern beitragen kann.

Raumressourcen stehen aber auch stark in Zusammenhang mit anderen Themenbereichen der Gleichstellung. So bilden finanzielle Ressourcen eine Grundvoraussetzung, um überhaupt Zugang zu Wohnraum zu erlangen. Zugleich binden Wohnkosten einen nicht unerheblichen Teil des Einkommens. Durch eine hohe Wohnkostenbelastung muss an anderen existentiellen Stellen gespart werden. Die Gestaltung des öffentlichen Raums wirkt sich zudem maßgeblich auf den Bereich Freizeit aus, bspw. in der Tatsache, inwieweit Erholungs- und Mobilitätsmöglichkeiten im näheren Wohnumfeld gegeben sind und damit Zeitressourcen binden sowie die Vereinbarkeit unterschiedlicher Lebensbereiche, wie Familie und Beruf, erleichtern oder erschweren . Da Frauen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten, sind sie hiervon stärker betroffen als Männer . Über die Gestaltung des öffentlichen Raumes werden nicht zuletzt Sicherheitsaspekte festgelegt, die sowohl Sicherheitsempfinden als auch Gewaltprävalenz beeinflussen. Frauen weisen ein geringeres Sicherheitsempfinden als Männer auf, und ein nicht unerheblicher Teil von Migrantinnen berichtet von Diskriminierungserfahrungen in öffentlichen Räumen in Wien. Durch eine gelungene Gestaltung des öffentlichen Raums kann das subjektive Sicherheitsgefühl gestärkt und eine präventive Wirkung gegen Gewalt erzielt werden.

Wenig Veränderung in der Verteilung unterschiedlicher Haushaltsformen über Wohnsegmente, jedoch wohnen immer mehr WienerInnen im kostspieligeren privaten Mietsegment

Wohnverhältnisse sind abhängig von Familienkonstellationen und vom Haushaltseinkommen, weshalb der direkte Vergleich der Geschlechter nur für allein lebende und alleinerziehende Frauen und Männer möglich ist. Durch die höhere Lebenserwartung betrifft das Alleinleben verstärkt Frauen . Bei anderen Lebensformen müssen die damit verbundenen unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern berücksichtigt werden.

Allein lebende Frauen sind in anderen Wohnsegmenten zu finden als allein lebende Männer: So sind sie häufiger in Gemeindebauten (vor allem ältere Frauen), Eigentum und Genossenschaftswohnungen ausgewiesen. Bei allein lebenden Männern sind private Mietverhältnisse stärker vertreten, und sie weisen einen höheren Anteil unter BewohnerInnen von Substandardwohnungen (Ausstattungskategorie D) auf. Darüber hinaus werden die Wohnverhältnisse durch die Haushaltskonstellationen bestimmt. Paare ohne Kinder und mit ein bis zwei Kindern wohnen häufiger in Eigentum. Zugang zu Gemeindewohnungen finden insbesondere Paare mit mehreren Kindern und AlleinerzieherInnen. Diese Verteilung der Haushaltstypen über die unterschiedlichen Wohnsegmente hat sich gegenüber 2012 kaum verändert. Jedoch setzt sich der Trend – nämlich die Zunahme privater Mietverhältnisse – in Wien fort. Davon betroffen sind insbesondere Alleinlebende und AlleinerzieherInnen, die damit auf dem freien Wohnungsmarkt stärker angebots- und nachfrageseitig getriebenen Preisschwankungen ausgesetzt sind (vgl. Farwick 2012). Mit dem Fokus 2016 zeigt sich, dass insbesondere WienerInnen mit Migrationshintergrund zu einem hohen Anteil im privaten Mietsegment zu finden sind, während sie kaum Zugang zu Eigentum haben.

Frauen müssen einen immer höher werdenden Anteil ihres Einkommens für Wohnen aufwenden

Die Kosten für Eigentum sind für einkommensschwächere Personen, darunter auch MigrantInnen , in der Regel nicht zu bewältigen. Weder sind ausreichend Eigenmittel vorhanden, noch können hohe Kredite bedient werden. Häufig sind sie daher auf Wohnungen des privaten Mietsegments angewiesen. Genau dieses Segment reagiert jedoch besonders sensibel auf Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt. In den Jahren 2012 bis 2014 sind die durchschnittlichen Mietpreise weiter gestiegen, und zwar wesentlich stärker als die Einkommen von Frauen und Männern in Wien. Während 2012 insgesamt 33% des Einkommens für Miete aufgewendet wurden, sind dies 2014 bereits 36%. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Einkommenssituationen von Frauen und Männern geben Frauen einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens für Wohnen aus, nämlich durchschnittlich 40% im Vergleich zu 32% bei Männern. Diese Schere geht zunehmend auseinander – besonders betroffen sind allein lebende Frauen und Alleinerzieherinnen in Wien.

Stärkere Zunahme von prekären Wohnformen unter Frauen

Die ungleiche Einkommensverteilung von Frauen und Männern spiegelt sich zudem in anderen Aspekten des Wohnens wider, unter anderem in ungesicherten Mietverhältnissen, zu kleinen Wohnflächen pro Person und schlechter Wohnumfeldqualität. Dabei kommen mitunter unterschiedliche Marktmechanismen zum Tragen, denn die hohe Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt räumt den VermieterInnen eine hohe Verfügungsgewalt über die Gestaltung von Preisen und Ausstattung ein, während MieterInnen in ihren Wahlfreiheiten beschränkt sind, da sie vom bestehenden Angebot weitestgehend abhängig sind (vgl. bspw. Schoibl 2008). Dies zeigt sich außerdem in der steigenden Zahl überbelegter Wohnungen und rechtlich ungesicherter Mietverhältnisse in Wien. Wie auch 2012 sind insbesondere Paare mit Kindern von zu knappem Wohnraum und befristeten Mietverhältnissen betroffen, was sich in einer geringeren Zufriedenheit mit der Wohnzufriedenheit widerspiegelt. Gegenüber 2012 haben somit prekäre Wohnformen unter Frauen zugenommen. Mit Fokus 2016 auf MigrantInnen zeigt sich besonders unter diesen eine starke Betroffenheit von prekären Wohnformen.

Frauen unter NutzerInnen der Angebote der Wiener Wohnungslosenhilfe weiterhin unterrepräsentiert, bei Akutunterbringungen mit bereits geringem Frauenanteil weiterer Rückgang

Die extremste Form der Prekarität und der Unterversorgung im Bereich Wohnen stellt Wohnungslosigkeit dar. Die Betroffenheit ist schwer zu messen, da die Zahlen der registrierten Wohnungslosen nicht nur das Problem im Allgemeinen, sondern insbesondere die Betroffenheit von Frauen unterschätzen. Weibliche Wohnungslosigkeit bleibt noch stärker unsichtbar, da Frauen Wohnungslosigkeit vermeiden, indem sie bei Freundinnen und Freunden oder Bekannten unterkommen oder sogenannte ZweckpartnerInnenschaften eingehen (vgl. Gschwendtner 2008). Die Zahl der NutzerInnen der Angebote der Wiener Wohnungslosenhilfe zeigt eine Unterrepräsentanz von Frauen, die sich gegenüber 2012 kaum verändert hat und über die diversen Angebote sehr unterschiedlich verteilt ist. Zwar ist der Frauenanteil unter NutzerInnen von Übergangs- und Dauerwohnungen der Wohnungslosenhilfe insgesamt von 28% auf 32% gestiegen, der Frauenanteil ist aber vor allem bei Akutunterbringungen wie Nachtquartieren, ausgehend von einem bereits sehr geringen Niveau, gesunken (2012: 20% vs. 2015: 17%). Die Ursachen für den geringen Frauenanteil unter „NächtigerInnen“ sind vielfältig und reichen von fehlender Intimsphäre über die starke Einschränkung der Lebensweise bis hin zu einem höheren Risiko von Gewalt und sexuellen Übergriffen, da diese tagsüber meist auf sich alleine gestellt sind (vgl. Oberegger 2013, BAWO Frauenarbeitskreis 2013). Angebote, die den Bedürfnissen von Frauen entgegenkommen (Mutter-Kind-Einrichtungen, Betreutes Wohnen, Sozial Betreutes Wohnen, Zielgruppenwohnen), betreffen, gemessen an der Zahl der NutzerInnen, nach wie vor weniger als ein Drittel der Angebote der Wohnungslosenhilfe.

Frauen in tertiären Ausbildungen im Bereich Wohn- und Städtebau geschlechterparitätisch vertreten, jedoch in Entscheidungsgremien für Wohnbau und Stadtentwicklung weiterhin unterrepräsentiert

Entsprechend dem Geschlechteranteil der Beschäftigten ist der Bausektor stark männlich dominiert (Frauenanteil 13 % in ÖNACE-Abschnitt F Bau). [Anm.1] Wieweit Gleichstellungsprinzipien im Wohnbau verfolgt, wie Stadtplanung und Stadtentwicklung umgesetzt werden, hängt nicht zuletzt von der Repräsentanz der Fraueninteressen in den jeweiligen Planungs- und Entscheidungsprozessen ab. Auf die geringe Partizipation in Entscheidungsgremien weisen beispielsweise der niedrige Frauenanteil im Gemeinderatsausschuss Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung sowie der geringe Frauenanteil in den Interessensvertretungen der Architektinnen und Architekten hin. Im Beschäftigungssektor Wohn- und Städtebau steht dem ausgewogenen Geschlechteranteil in der Tertiärausbildung im Bereich Wohn- und Städtebau eine männliche Dominanz im bautechnischen Ausbildungsbereich gegenüber. Eine noch deutlichere Diskrepanz zeigt sich jedoch hinsichtlich der Repräsentanz von Frauen in Entscheidungsgremien im Planungs- und Wohnbaubereich: Im betrachteten Zeitraum von 2009 bis 2015 waren lediglich rund ein Viertel Frauen in Jurys von Wettbewerbsverfahren und in Lenkungsgruppen von kooperativen Verfahren der Stadt Wien zur Stadtentwicklung sowie Flächenwidmung und Bebauungsplanung der MA 21, für die Gestaltung des öffentlichen Raumes der MA 19 sowie von öffentlichen Parkanlagen der MA 42 vertreten. Im Sinne einer gendergerechten Stadtplanung ist es zudem wichtig, Frauen verstärkt im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Derzeit sind Frauen aber lediglich für 8% aller nach Personen benannten Straßen sowie 5% aller Straßen in Wien Frauen namensgebend.

Schlussfolgerungen zu den Gleichstellungszielen für Wohnen und öffentlicher Raum

Hinsichtlich der Verbesserung des Zugangs zu leistbarem Wohnraum und rechtlich gesicherten Wohnverhältnissen zeigt sich in Wien für Frauen eine Verschlechterung in allen Bereichen. Die Zahl der befristeten Mietverträge ist gestiegen, und es wohnen immer mehr Frauen in beengten Wohnverhältnissen. Mit der steigenden Zahl privater Mietverträge sind Wienerinnen zunehmend marktbedingten Unsicherheiten ausgeliefert. Dies zeigt sich ebenso im Anstieg der durchschnittlichen Wohnkosten, von denen Frauen aufgrund eines geringeren Einkommens stärker betroffen sind. Im Rahmen der EU-Strategie 2020 ist ein zu hoher Wohnkostenanteil des verfügbaren Einkommens mit 25% und höher definiert. Wienerinnen geben derzeit 40% ihres Einkommens für Wohnen aus, 2012 waren es noch 34%. Für den Bereich des öffentlichen Raums fehlt es nach wie vor an Daten zur allgemeinen Situation für Wien, die für ein valides Monitoring geeignet sind. Mit den Einschätzungen aus diversen Befragungen kann dieser Mangel nur bedingt ausgeglichen werden.

Die stärkere Partizipation von Frauen in Entscheidungsgremien im Planungs- und Wohnbaubereich kann dazu beitragen, vor dem Hintergrund unterschiedlicher gesellschaftlicher Ausgangspositionen sowie Rollenanforderungen und -zuweisungen von Frauen und Männern unterschiedliche Bedürfnisse und Nutzungsinteressen im Städte- und Wohnbau stärker zu berücksichtigen. Mit Daten zum Frauenanteil sowie zu Gender-Kriterien in Wettbewerbsverfahren der Stadt Wien soll ein Monitoring zur Repräsentanz von Gender-Aspekten entwickelt werden. Für einen validen Ver- gleich über die Zeit sind jedoch Kriterien nötig, nach denen Gender-Expertise in diesem Bereich zu messen ist.