K Gewalt

Resümee

Auch im Jahr 2016 sind Frauen weiterhin Opfer von patriarchaler Gewalt [Anm.7] (vgl. Gig-Net 2008). Ökonomische Ungleichheit, vor allem die im Schnitt geringeren eigenen Einkommen insbesondere älterer Frauen, können in einem Kontext ungleicher Machtverhältnisse die Gefährdung durch Gewalt in Ehe oder PartnerInnenschaft erhöhen. Beeinträchtigung durch Behinderungen, ein Aufenthaltsstatus, der an den Partner (oder die Partnerin) gekoppelt ist (vgl. Haller 2010), oder gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaft in einer heteronormativen Gesellschaft (Ohms 2000) sind beispielhaft für weitere mögliche Benachteiligungen (vgl. UN 2006; Latcheva et al. 2007; Chantler/Burman 2005).

Gewalt im sozialen Nahraum umfasst v.a. die in den Indikatoren des Berichtes dargestellten Bereiche körperliche Gewalt (Misshandlungen und körperliche Übergriffe jeder Art); sexualisierte Gewalt (alle sexuellen Handlungen, die durch Zwang und ohne ausdrückliche Zustimmung zustande kommen, inklusive Gewalt in der Ehe, die aber undifferenziert in den Verurteilungen nach §201 StGB inbegriffen sind); psychische Gewalt (Drohungen und Nötigungen), insbesondere Stalking sowie Zwangsverheiratungen (siehe dazu: Latcheva et al. 2007). Ein großer Teil der Gewalt im sozialen Nahraum kommt nicht zur Anzeige; so bilden die Polizei- und Gerichtsstatistiken nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Gewalt ab (Kapella et al. 2011). Dementsprechend werden ergänzend Daten von Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen analysiert. Gewalt in der Institution Schule wird beispielhaft durch Gewaltverhältnisse unter SchülerInnen analysiert.

Die Gewalt im persönlichen Nahraum innerhalb von Partnerschaften, aber auch in Institutionen hat sich entsprechend der Entwicklung seit 2013 nicht verringert. Es wurden ähnlich viele Wegweisungen und Betretungsverbote wie in der ersten Beobachtungsperiode ausgesprochen, die Zahl der Klientinnen der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, des 24-Stunden-Notrufs als auch der Frauenhäuser ist kontinuierlich angestiegen. Weiterhin bilden PartnerInnen und Ex-PartnerInnen die größte Tätergruppe. Zwangsverheiratungen sind ebenso eine immer noch ernst zu nehmende Bedrohung für Frauen mit Migrationshintergrund. Einzig im Bereich der Gewalt unter SchülerInnen zwischen elf und 17 Jahren innerhalb der Institution der Schule gilt es vorsichtig eine Verbesserung der Verhältnisse zu vermelden, da zumindest Schikanen und Raufereien sowohl unter Burschen als auch Mädchen abgenommen haben. Angesichts der hohen Dunkelziffer von nicht angezeigter Gewalt, insbesondere von Gewalt in Partnerschaften, kann die zunehmende Inanspruchnahme von Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen auch als positive Entwicklung interpretiert werden, wenn Frauen Gewalt sichtbar machen und mit Unterstützung anderer versuchen, Gewaltbeziehungen zu beenden – vorausgesetzt, die Zahl der stattgefundenen Gewaltdelikte steigt nicht an.

Frauen sind 2015 etwas weniger häufig Opfer bei Morden, gefährlichen Drohungen, Stalking und fortgesetzter Gewalt, aber häufiger bei Körperverletzungen

Frauen sind insgesamt weniger stark in Gewalttaten involviert als Männer, indem Frauen maximal ein Fünftel der TäterInnen darstellen. Aber Frauen sind häufiger Opfer von Gewalt, vor allem von Handlungen gegen die Freiheit (90% der Opfer sind Frauen), fortgesetzter Gewaltausübung und sexueller Gewalt. 2015 stellen Frauen in Summe nur zu maximal einem Fünftel die TäterInnen bei strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben und gegen die Freiheit dar, doch sie bilden zu einem wesentlich größeren Teil die Opfer: Insbesondere von Stalking und fortgesetzter Gewaltausübung sind mehr als viermal so viele Frauen wie Männer betroffen. Männer stellen diesbezüglich besonders häufig im frühen Kindesalter, Frauen vermehrt zwischen 21 und 24 Jahren die Opfer dar.

Der Frauenanteil der Opfer von Vergewaltigungen liegt bei 96%, beim Delikt der ge-schlechtlichen Nötigung sogar bei 99%; zu 81% werden Frauen Opfer von sexuellem Missbrauch. Bei allen drei Straftaten machen Frauen nur zu einem sehr geringen Anteil Täterinnen aus (1% bis 4%).

2015 stehen etwas weniger Mordopfer (22% statt 29%) in familiärer Beziehung oder haben einen gemeinsamen Haushalt mit den TäterInnen. Weitere 20% werden von Familienmitgliedern ohne Hausgemeinschaft ermordet. Die angezeigten Fälle von strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben werden 2015 von rund 19% durch Familienmitglieder ausgeübt. Bei Sexualdelikten bilden 2015 weiterhin Bekanntschaftsverhältnisse, im Fall von Vergewaltigung und geschlechtlicher Nötigung auch Familienverhältnisse in Hausgemeinschaft die größten Gefährdungspotenziale.

Im Vergleich zum Jahr 2012 hat sich die Opferstruktur ausgewählter strafbarer Handlungen gegen Leib und Leben (Mord und Körperverletzung) etwas verändert. Während bei den Delikten Mord, gefährliche Drohung, Stalking und fortgesetzte Gewaltausübung der relative Frauenanteil der Opfer gesunken ist (besonders stark beim Delikt der gefährlichen Drohung), ist der Anteil der Frauen, die von Körperverletzung betroffen waren, angestiegen. Dieser Umstand korrespondiert nur teilweise mit den absoluten Zahlen, denn insgesamt gab es im Vergleich der Jahre 2012 und 2015 weniger Morde, Körperverletzungen sowie Stalking-Fälle. Gestiegen sind allerdings die Zahlen bei gefährlichen Drohungen und bei fortgesetzter Gewaltausübung.

Im Vergleich zum Jahr 2012 hat sich Anzahl der ausgewählten strafbaren Handlungen gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung etwas verringert. Es kommt 2015 zu weniger Fällen von Vergewaltigungen, geschlechtlichen Nötigungen und sexuellem Missbrauch einer wehrlosen oder psychisch beeinträchtigten Person. Relativ gestiegen ist die Anzahl der Fälle der geschlechtlichen Nötigungen, bei denen Frauen zu Opfern wurden (2015: 99% der Fälle), hingegen ist der Anteil der weiblichen Opfer bei Fällen des sexuellen Missbrauchs einer psychisch beeinträchtigten oder wehrlosen Person gestiegen (auf 81%). Frauen bleiben gleichbleibend oft die Opfer von Vergewaltigungen (zu 96%).

Die Zahlen der vom Verein Orient Express betreuten Frauen und Mädchen sind hin- sichtlich der Anzahl der von Zwangsheirat bedrohten Frauen und Mädchen in etwa gleichgeblieben, während die Anzahl der betreuten Frauen, die bereits einmal zwangsverheiratet waren, um etwa zwei Drittel gestiegen ist. Inwiefern dies auf eine vermehrte Konsultation des Vereins oder einen Anstieg der Zwangsverheiratungen zurückzuführen ist, kann nicht geklärt werden.

Dementsprechend ist es im Bereich der sexualisierten, körperlichen und psychischen Gewalt nicht möglich, von einer klaren Tendenz der Verringerung der Gewalt gegen Frauen zu sprechen.

Sichtbarmachen und langfristiges Senken von Gewalt durch (Ex-)PartnerIn ambivalent

Im ersten Schritt des Sichtbarmachens von Gewalt durch (Ex)PartnerInnen auf Basis der Wegweisungen und Betretungsverbote zeigt sich eine leichte Verringerung von 2012 bis 2015, indem die Zahl der Wegweisungen pro 10.000 EinwohnerInnen von 19,7 auf 18,5 gesunken ist. Dabei ist jedoch auch eine recht unterschiedliche Entwicklung der Polizeiinterventionen in den einzelnen Wiener Polizeikommissariaten zu beobachten. Insgesamt hat es etwas weniger Meldungen bei der Wiener Interventionsstelle gegeben (141 Meldungen); innerhalb der erfolgten Meldungen ist das Verhältnis der Betretungsverbote (88%), Strafanzeigen ohne Wegweisung oder Betretungsverbote (11%) und Streitschlichtungen (1%) gleichgeblieben. Es ist allerdings unbeklärt, ob tatsächlich weniger Gewalt ausgeübt oder weniger oft die Polizei hinzugezogen wurde.

Andererseits hat sich im Vergleich des Jahres 2012 zum Jahr 2015 bezüglich der KlientInnen der Wiener Interventionsstelle vordergründig ein Anstieg von 3.875 Personen im Jahr 2012 auf 4.228 Personen im Jahr 2015 (+ 9%) gezeigt (dies geht nicht unbedingt auf einen Anstieg von Gewalt zurück, sondern kann auch auf eine höhere Bereitschaft zur Inanspruchnahme von Hilfe hindeuten). So zeigen die Zahlen der Interventionsstelle, dass der Anteil von Frauen (87%) und Männern (13%) an den Opfern im Zeitvergleich gleichgeblieben ist. Im zahlenstärksten Bereich der weiblichen Opfer mit männlichen Tätern (95% aller Übergriffe) ist der Anteil der Gewalt, die durch den Partner ausgeübt wird, um nur 1 %-Punkte geschwankt, jene, die von Ex-Partnern ausgeübt wurde, ist um 4%-Punkte gestiegen. Auch in den steigenden Zahlen der Beratungen des 24-Stunden-Frauennotrufs (+ 12% gegenüber 2012) zeigt sich, dass Frauen Gewalt insbesondere durch den Partner oder Ex-Partner erfahren.

Beim Verein Wiener Frauenhäuser ist die Zahl der Aufenthaltstage betreuter Personen zwischen 2012 und 2015 um 9% gestiegen, während die Zahl der telefonischen Beratungen um 4% gesunken ist. Längerfristig betrachtet, steigt die Zahl der betreuten Personen stetig, wobei zunehmend mehr Kinder betreut werden, d.h., Frauen mit Kindern suchen zunehmend mehr Unterstützung.

Obwohl die Polizeiinterventionen 2015 gesamt etwas geringer ausfallen als 2012, kann anhand der kontinuierlich steigenden Zahlen von KlientInnen der Interventionsstelle, des 24-Stunden-Frauennotrufs als auch des Vereins Wiener Frauenhäuser hinsichtlich Gewalt durch (Ex-)PartnerInnen nicht von einer Verringerung der Gewalt gegen Frauen im Nahbereich gesprochen werden.

Verbesserungen beim Sichtbarmachen und langfristiges Senken von Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Institutionen (im herkömmlichen Sinn)

Einzig erfreulich im Bereich der gegenderten Gewalt im Nahbereich ist das Beispiel Gewalt in der Institution Schule mit Bezug auf die von SchülerInnen untereinander ausgeübten Schikanen und Raufereien oder Kämpfe. Sowohl bei Mädchen als auch bei Burschen sind sowohl Schikanen als auch Raufereien zwischen dem Schuljahr 2009/2010 und dem ersten Halbjahr 2014 zurückgegangen. Am stärksten haben sich die häufigen Beteiligungen an Raufereien unter Burschen (mehr als zweimal die Woche) von rund einem Drittel auf ein knappes Fünftel verringert; auch war nicht mehr ein Viertel der Mädchen, sondern nur mehr ein knappes Fünftel in eine Rauferei oder einen Kampf verwickelt. Hierzu stellt sich die Frage, ob sich Schikanen von der direkten und körperlichen Ebene auf neue Medien (z.B. Facebook, Textnachrichten etc.) verschoben haben könnten, was jedoch nicht beantwortet werden kann. [Anm.8]

Für das wichtige Gleichstellungsziel, Gender-Kompetenz im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt bei allen relevanten Akteurinnen und Akteuren aufzubauen, liegen keine Daten vor; somit kann keine Entwicklung dargestellt werden.

Anmerkung 7

Siehe zur Definition von Gewalt: interventionsstelle-wien.at

Anmerkung 8

Der österreichische Nationalrat verabschiedete am 07.07.2015 ein Gesetz zum Tatbestand des GGG Cybermobbings, das mit 01.01.2016 in Kraft trat (§107c).