L Gesundheit

Resümee

Wenn es um eine Gender-Perspektive im Kontext von Gesundheit geht, ist mehr gemeint als nur die geschlechtsspezifische Betroffenheit von Krankheiten von Frauen und Männern, [Anm.4] wie z.B. Schwangerschaftsbeschwerden oder Prostataerkrankungen, auch geht es nicht nur um die Gesundheit der Geschlechtsorgane und um Themen der Produktivität. Vielmehr geht es darum, dass geschlechtsspezifisch unterschiedliche Lebensrealitäten wie unterschiedlich hohe Einkommen und Arbeitsbelastungen, Sicherheit und Unterstützung in persönlichen Beziehungen, die Übernahme von Ver-antwortung und Care-Arbeit für Familienmitglieder, aber auch in anderen sozialen Netzwerken, genderspezifische Schönheits- und Verhaltensnormen oder auch die Gelegenheit für Ruhe und Entspannung die Gesundheit von Frauen und Männern in unterschiedlicher Weise beeinflussen. Kurz gesagt: Frauen und Männer leben in und mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und –bedingungen, was wiederum Einfluss auf die jeweilige Gesundheit hat. Krankheitsbilder sind demnach ebenso von Geschlechternormen geprägt: Essstörungen gelten beispielsweise als „typisch weibliche“ Erkrankungen, und es sind großteils auch Frauen von diesen betroffen (allerdings steigt der Anteil der Burschen/Männer). Krankheiten entstehen bei Frauen und Männern jedoch unterschiedlich, entfalten sich unterschiedlich und wurden/werden nicht zuletzt unterschiedlich behandelt (vgl. Biesig/Gutzwiller 2002). Die Gendermedizin, die mittlerweile Einzug in die Medizinforschung und -lehre gefunden hat, greift dies auf und befasst sich mit dem Einfluss von sex und gender auf Gesundheit und Krankheit und versucht, für beide Geschlechter die besten medizinischen Lösungen zu finden.

Unterschiede in Krankheitsbildern, im Gesundheitsbewusstsein und im Zugang zur Behandlung werden jedoch nicht nur durch das biologische und soziale Geschlecht, sondern durch eine Reihe weiterer soziodemografischer Merkmale (wie die Einkommens- und Vermögensverhältnisse, den Bildungsstand, Migrationshintergründe oder die sexuelle Orientierung) geprägt (vgl. Statistik Austria 2008). Eine Genderperspektive auf Gesundheit berücksichtigt daher im Sinne des Determinantenmodells von Gesundheit auch die sozialen Determinanten. Die in diesem Kapitel beschriebenen gesundheitlichen Risikofaktoren, der Zugang zu Gesundheitsleistungen, die Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen oder die selbstbestimmte Reproduktion sind Indikatoren, die eine Genderperspektive auf Gesundheit erlauben. In den letzten Jahren gehen mit Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, wie z.B. zunehmender Teilzeitarbeit und Prekarisierung der Einkommensverhältnisse , auch positive Entwicklungen im Bereich der Bildungeinher, die ebenso Einfluss auf die Gesundheit haben. Erwartungen an männliche und weibliche Körper- und Verhaltensnormen wandeln sich und zeigen sich in sich veränderndem Gesundheitsverhalten: Zwar gleicht sich das Risikoverhalten von Männern und Frauen an, auf der anderen Seite steigt mit der Anzahl der Vorsorgeuntersuchungen der verantwortliche Umgang mit dem eigenen Körper. Genderspezifische Körpernormen und Rollenbilder erzeugen jedoch weiterhin sozialen Stress, der sich in geschlechtsspezifisch unterschiedlicher Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, Körperdysphorien und damit in Verbindung stehenden Krankheiten (wie der gleich hoch gebliebenen Anzahl von Essstörungen) manifestiert.

Die Beschäftigung in Wiener Krankenhäusern und die fachliche Spezialisierung nach Geschlecht beschreiben den Gesundheitsbereich als ein Arbeitsmarktsegment, das durch ausgeprägte horizontale und vertikale Segregation charakterisiert ist. Für die Entwicklung seit dem ersten Wiener Gleichstellungsmonitor 2013 ergibt sich für diese Bereiche ein Bild, das zumeist von wenig Veränderung geprägt ist.

Zugang von Frauen zum Gesundheitssystem durch mehr Ordinationen mit Fremdsprachenkenntnissen verbessert

Der Zugang zum Gesundheitswesen hängt sowohl von formalrechtlichen, sozialen wie finanziellen Faktoren ab. Ein barrierefreier Zugang zum Gesundheitswesen wird auch bedingt durch Rechte in Zusammenhang mit der jeweiligen StaatsbürgerInnenschaft. Finanzielle Faktoren sind beispielsweise die eigene Erwerbstätigkeit oder der Erwerbstätigkeit der Partnerin/des Partners sowie bestehende finanzielle Ressourcen. Zu den sozialen Faktoren zählen u.a. die eigene und vererbte Gesundheitskompetenz, individuelle Risikofaktoren oder auch Sprachbarrieren.

Eine Annäherung zum Gleichstellungsziel eines verbesserten Zugangs von Frauen zum Gesundheitssystem erfolgt hier über den Anteil der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, in deren Ordination Fremdsprachen gesprochen werden. Von den rund 6.650 niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie ihren Ordinationshilfen wird in rund 9% der Praxen BKS, Türkisch, Polnisch oder Rumänisch gesprochen, der Anteil der MigrantInnen aus diesen Sprachkreisen an der Wiener Wohnbevölkerung liegt am 01.01.2016 bei rund 14%. Insgesamt hat sich in den letzten zwei Jahren die Anzahl der Ordinationen in Wien, in denen weitere Sprachen neben Deutsch gesprochen wurden, um knapp 4% erhöht.

Ambivalente Entwicklungen im Bereich Gesundheitskompetenz: Risikoverhalten der Frauen ist gestiegen, gleichzeitig Partizipation von Frauen in Vorsorgeuntersuchungen höher als bei Männern

Frauen und Männer sind immer noch in unterschiedlichem Ausmaß von gesundheitlichen Risikofaktoren betroffen: Obwohl bislang mehr Männer als Frauen regelmäßig geraucht haben, haben die Frauen 2014 beim ungesunden Rauchverhalten aufgeschlossen: Rund ein Drittel der Frauen und Männer im Durchschnitt aller Altersgruppen ist RaucherIn. Seit der letzten Gesundheitsbefragung 2006/2007 ist der Rauche-rinnenanteil von 20% auf 32% gestiegen (bei Männern hat der Anstieg nur 3% betragen). Auch der (selbst angegebene) übermäßige Alkoholkonsum der Frauen ist seit dem letzten Beobachtungszeitpunkt doppelt so hoch (4%), liegt aber noch unter jenem der Männer (7%), der gleichgeblieben ist. Fast gleich viele Frauen (14%) wie Männer (17%) geben 2014 an, starkes Übergewicht zu haben, und mehr als die Hälfte aller Männer (52%) und Frauen (58%) ist körperlich inaktiv – beide Werte sind über die Zeit annähernd gleichgeblieben.

Auf der anderen Seite nehmen 2015 Frauen die allgemeine Vorsorgeuntersuchung weiterhin häufiger in Anspruch als Männer (14% der in Wien lebenden Frauen ab 18 Jahren und 13% der Männer). Männer beginnen im Durchschnitt erst später im Lebensverlauf als Frauen, Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Die Partizipation an Vorsorgeuntersuchungen ist zwischen 2011 und 2015 gestiegen. Im Bereich der allgemeinen Untersuchungen und insbesondere im gynäkologischen Programm hat sich die Teilnahme nahezu aller Altersgruppen (um rund 0,6%) erhöht. Bei den gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen hat sich die Beteiligung der Frauen von 5% auf 9% erhöht und somit beinahe verdoppelt.

Leichte Verbesserungen bei der Infragestellung von Schönheitsnormen und Rollenbildern trotz gleichbleibender Erkrankungsfälle

Unrealistische Schönheitsnormen und Rollenbilder, die auch durch die öffentliche Darstellung von Frauen und Mädchen z.B. in den Medien verstärkt werden, sind ebenso eine Ursache für gesundheitsgefährdende Essstörungen. Schwere Essstörungen, die eine stationäre Behandlung erfordern, betreffen überwiegend Mädchen und Frauen. Laut Spitalsentlassungsstatistik waren in Wien im Jahr 2015 361 Mädchen und Frauen sowie 49 Buben und Männer in stationärer Behandlung aufgrund von Essstörungen, während von einer deutlich höheren Anzahl an Betroffenen auszugehen ist. Im Zeitvergleich der Jahre 2012 bis 2015 zeigt sich ein Anstieg von Frauen und Männern, die aufgrund von Essstörungen Krankenhausaufenthalte aufweisen, von 6%, wobei der Frauenanteil mit 88% gleichgeblieben ist. Knapp 30% der Mädchen und Frauen in stationärer Behandlung sowie knapp 40% der Buben und Männer sind maximal 19 Jahre alt.

Die unterschiedlichen Rollenbilder und Schönheitsnormen zeigen sich überdies in der Körpereinschätzung von Mädchen und Buben. Mädchen schätzen ihr eigenes Aussehen vor allem hinsichtlich ihres Gewichts weiterhin kritischer ein als Buben. Insgesamt denken 44% der Mädchen und 50% der Buben, dass sie ungefähr das richtige Gewicht haben. Doch selbst von den unter- und normalgewichtigen Mädchen schätzen sich 38% als zu dick ein – gegenüber 18% bei Buben. Im Vergleich zur Befragung 2009/2010 hat sich die Körperwahrnehmung der zu dünnen und normalgewichtigen Mädchen 2014 etwas verbessert, indem der Anteil der Mädchen, die ihr Körpergewicht in Ordnung finden, leicht gestiegen und der Anteil derjenigen, die sich trotzdem zu dick sehen, gesunken ist. Bei den übergewichtigen Buben finden sich mehr Buben tatsächlich zu dick.

Die Entwicklungen bei Teenagerschwangerschaften, Verhütung, künstlicher Befruchtung und Kaiserschnittrate zeigen Verbesserungen hinsichtlich selbstbestimmter Reproduktion

Aus einer Gleichstellungsperspektive sind mit Reproduktion verknüpfte Themen, wie z.B. Teenagerschwangerschaften, künstliche Befruchtung und Kaiserschnittrate, nicht nur relevant, weil sie die gesundheitliche Situation von Frauen betreffen, sondern weil sie Indikatoren dafür sind, ob Frauen frei und eigenverantwortlich über die Anzahl ihrer Kinder, den Zeitpunkt und die Geburtenabstände entscheiden können. 2012 gab es in Wien 590 Teenagerschwangerschaften, d.h. Erstgeburten von Müttern unter 20 Jahren, 2015 waren es 517. Die Anzahl der Teenagerschwangerschaften an der Gesamtzahl der Lebendgeburten ist damit zwischen 2012 und 2015 von 6% auf 4% gesunken.

Indikator 8 bildet die Zahl der Paare und die Zahl der Versuche ab, für die der IVF-Fonds die Kosten übernommen hat. Im Jahr 2015 werden für 1.393 Paare aus Wien künstliche Befruchtungen durch den IVF-Fonds mitfinanziert, aus den künstlichen Befruchtungen resultieren 488 Geburten. Der Durchschnitt der Versuche liegt bei 1,5 Versuchen pro Frau, wobei sich hier kaum Unterschiede zwischen den Altersgruppen zeigen. Insgesamt sind die Versuche bei der IVF pro Paar um 0,1% von 2012 auf 2015 angestiegen, und es waren auch um 308 Paare mehr, die IVF in Anspruch genommen haben. Dementsprechend sind auch mehr Babys mittels IVF gezeugt worden: 2015 sind es um 137 Geburten mehr, d.h., es ist zu einem Anstieg von knapp 40% gekommen.

Indikator 9 repräsentiert den Anteil der Geburten durch Kaiserschnitt an allen Lebendgeburten. Im Jahr 2015 werden in Wien 5.918 Kinder durch Kaiserschnitt entbunden, das sind 30% aller Lebendgeburten. Am häufigsten wird bei Frauen ab dem 40. Lebensjahr ein Kaiserschnitt vorgenommen. Der Anteil der Primär-Kaiserschnitte, die vor der Geburt geplant waren, und der Sekundär-Kaiserschnitte, die während der Geburt als Notsectio durchgeführt werden, sind mit jeweils 15% aller Geburten genau gleich hoch. Vergleicht man die Zahlen 2015 mit dem Jahr 2012, zeigt sich, dass die Kaiserschnittrate grundsätzlich sehr ähnlich geblieben ist und insgesamt um nur 0,4%-Punkte abgenommen hat. Seit 2001 ist die Kaiserschnittrate in Wien für alle Altersgruppen jedoch deutlich angestiegen. So lag sie 2001 noch bei 20%, im Jahr 2006 bei 25,7%, im Jahr 2012 bei 30,4% und macht im Jahr 2015 29,7% aus. Die Gründe für den Anstieg der Kaiserschnittrate sind vielfältig: Anstieg von Risikofaktoren, geringere Hemmschwelle für Sectio, mangelnde Erfahrung der ÄrztInnen mit komplizierten Entbindungen, einfachere Planbarkeit. Die Wiener Studie „Psychosoziale Einflussfaktoren auf Geburtsmethoden und Zufriedenheit. Eine multizentrische empirische Studie an Frauen im Wochenbett“, die 2013 zur Analyse des Anstiegs der Kaiserschnittrate in Wien initiiert wurde, soll mögliche Motivationsbündel nachvollziehbarer machen. Die Studie konnte zeigen, dass 8,4 % aller Kaiserschnitte nicht durch medizinische Risikofaktoren alleine erklärbar sind. Stattdessen werden psychologische Motive oder Gründe der Planbarkeit für den Kaiserschnitt angegeben. Die Wunschkaiserschnittrate liegt in der Gesamtstichprobe nur bei 1,5% (vgl. Wimmer-Puchinger et al. 2013, S. 17). Vieles spricht für eine natürliche Geburt, Mütter mit vaginaler Geburt haben im Durchschnitt nach der Geburt deutlich weniger Schmerzen (12%) als Mütter nach Kaiserschnitten (27,3%) bei primärer Sectio (vor Eintritt der Wehen) bzw. 26,1% bei sekundärer Sectio (nach Eintritt der Wehen) (vgl. ebda., S. 18). Die Senkung der Kaiserschnitte wurde in den Wiener Gesundheitszielen 2025 aufgegriffen, mit dem Ziel, die Kaiserschnittrate in Wien bis 2025 auf 25 Prozent zu senken und im Rahmen der Umsetzung der Wiener Gesundheitsziele die Arbeitsgruppe „Die Chance auf Spontangeburt erhöhen“ eingerichtet.[Anm.1]

Verbesserungen in den Zugangschancen zu und Aufstiegschancen in medizinischen Berufen

Der Gesundheitsbereich als Beschäftigungssegment ist durch eine ausgeprägte vertikale und horizontale Segregation gekennzeichnet. Die vertikale Segregation im Gesundheitsbereich verbessert sich langsam, aber auf horizontaler Ebene gibt es immer noch wenig Bewegung. Die vertikale Segregation lässt sich etwa an der Frauendominanz im Pflegebereich (Indikator 10) ablesen. Bei Pflegekräften in Wiener Krankenhäusern und Krankenanstalten ist zudem im Jahr 2015 nach wie vor die Dominanz von Frauen am deutlichsten sichtbar – 83% der qualifizierten Pflegekräfte und 76% der PflegehelferInnen sind Frauen.

Unter den rund 7.800 in Wiener Spitälern beschäftigten Ärztinnen und Ärzten besteht mit einem Frauenanteil von 53% ein recht ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Sind Frauen unter den Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung mit 60% sogar noch überrepräsentiert, geht der Frauenanteil bei einer anschließenden fachärztlichen Ausbildung allerdings deutlich zurück und liegt nur noch bei 43%. In Leitungsfunktionen (Klinikvorstehung, Primariat, ärztliche Leitung) sind Frauen mit 26% vertreten. Demgegenüber dominieren Frauen unter den Ärztinnen und Ärzten für Allgemeinmedizin (73%). Im Vergleich zum Jahr 2012 gab es hier etwas Bewegung. Der Anteil der Frauen bei Pflegekräften ist um jeweils 1%-Punkt zurückgegangen, ebenso der Anteil der Ärztinnen in Ausbildung (um 2%-Punkte). Gestiegen sind jedoch der Anteil der Ärztinnen insgesamt (um 2%-Punkte), jener der Allgemeinmedizinerinnen (um 1%-Punkt), der Anteil der Fachärztinnen (um 2%-Punkte) und besonders der Anteil der weiblichen Leitungen (um 7%-Punkte).

Indikator 11 bildet die geschlechtsspezifische Segregation in der Ärzteschaft ab, konkret den Frauenanteil unter niedergelassenen und angestellten Ärztinnen und Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Insgesamt sind 2.297 (39%) aller niedergelassenen und 2.064 (42%) aller angestellten Ärztinnen und Ärzte in Wien Frauen. In der Frauen- und Geburtsheilkunde sind Frauen mit 153 (40%) unter den niedergelassenen und mit 136 (49%) unter den angestellten Ärztinnen und Ärzten vertreten. Die niedrigsten Frauenanteile weisen die chirurgischen Bereiche und die Urologie auf, wobei hier der Frauenanteil unter den angestellten Ärztinnen und Ärzten höher ist als unter den niedergelassenen. Im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 zeigt sich, obwohl der Frauenanteil der niedergelassenen Ärztinnen mit 39% gleichgeblieben ist, ein Rückgang um 10%-Punkte bei den angestellten Ärztinnen.

Stärkere Verankerung von Gendermedizin und ihren Erkenntnissen in der Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten und Pflegepersonal wie auch in der medizinischen und pharmazeutischen Forschung

In den letzten Jahren kann eine vermehrte Sichtbarkeit bei der noch jungen aber zunehmend an Bedeutung gewinnenden Disziplin Gendermedizin und bei der Frauengesundheitsforschung wahrgenommen werden. Gendermedizin beschäftigt sich mit den verschiedenen Ausprägungen von Krankheitssymptomen und –bildern, bedingt durch die unterschiedliche Anatomie von Frauen und Männern, wie auch geschlechtsspezifische Wirkungsweisen von Medikamenten. Schwerpunkte dieser Disziplin liegen bei der Vorsorge, im diagnostischen und therapeutischen Bereich, aber auch in der Arzneimittelforschung. Auf diese Entwicklung reagierte die Medizinische Universität Wien 2010 mit der Einrichtung des österreichweit ersten eigenen Lehrstuhls für Gendermedizin und einer postgraduellen Fortbildung in „Gender Medicine“ unter der jeweiligen Leitung und Vorsitz von Univ.-Prof., Dr.in med. Karin Gutierrez-Lobos. Die Professur wurde an Univ.-Prof., Dr.in med. Alexandra Kautzky-Willer verliehen, die 2016 zur Wissenschaftlerin des Jahres gewählt wurde, was dem Thema Gendermedizin zusätzlich eine breitere Öffentlichkeit verschafft. Damit geschlechterspezifische Fragestellungen auch in der regulären medizinischen Ausbildung verankert sind, wurden diese an der Medizinischen Universität Wien ins Curriculum inkludiert und die Abhaltung von Gender-Ringvorlesungen eingeführt, die seit dem Wintersemester 2014/2015 um eine Ringvorlesung zu Diversity und Medizin erweitert wurden.

Gesundheit ist nicht geschlechtsneutral, daraus ergeben sich wiederum spezifische gesundheitliche Bedürfnisse von Frauen, auf die auch das Wiener Programm für Frauengesundheit mit einer Qualitätsverbesserung der medizinischen, sozialen und psychologischen Dienstleistungen für Frauen, abzielt. Mit der Umsetzung der Gesundheitsziele ist das Team des Büros für Frauengesundheit befasst, das seit dem 1. März 2016 zum Wiener Programm für Frauengesundheit der MA24 - Gesundheits- und Sozialplanung angehört, wo eine Abteilung für Frauengesundheit und Gesundheitsziele geschaffen wurde. Somit ist auch die Umsetzung der Wiener Gesundheitsziele eng mit geschlechtsspezifischen Analysen verknüpft.

Anmerkung 4

Intersexpersonen, d.h. Personen, die bei der Geburt genetisch und/oder anatomisch und/oder hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden können oder deren Intergeschlechtlichkeit erst im späteren Leben erkennbar wird, werden hier aufgrund von Datenmangel nicht als solche besprochen, obwohl deren Betroffenheit u.a. vom medizinischen Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit (z.B. aufgrund von geschlechtsvereinfachenden Operationen) enorm ist. Bis zu 1,7% der Bevölkerung sind auf die eine oder andere Weise intergeschlechtlich (Fausto-Sterling: 2000).

Anmerkung 5

siehe wien.gv.at/gesundheitsziele (26.05.2017)